Ein Porschefahrer hat an der Ampel erst mal
zwei Meter zurückgesetzt, um meinen Opel Speedster auf der Linksabbiegerspur genauer
betrachten zu können. Und in eine Polizeikontrolle geriet ich eines Abends nur deswegen,
weil die Herren in Grün den Wagen mal aus der Nähe sehen wollten ...

Vor dreißig Jahren hieß das bei Opel mal
"Nur Fliegen ist schöner!" Gemeinsam haben der Überflieger von damals, der
Opel GT, und der Opel Speedster auf jeden Fall schon mal ihr aufsehenerregendes Äußeres.
Mit keinem Testwagen bin ich bislang so sehr aufgefallen wie mit dem Speedster auch
nicht mit dem knallroten BMW Z8! Knappe 1,12 m flach,
3,39 m lang, 1,71 m breit und massiv gestaltet strahlt die Karosserie die geballte Kraft
aus.
Im Rüsselsheim wurde der Zweisitzer
entwickelt, in England wird er bei Lotus gefertigt. Etwa 3.000 Speedster werden jährlich
gebaut, 800 davon für den deutschen Markt. Ein Nischenmodell also, welches auf den
Straßen Seltenheitswert und damit eine gewisse Exklusivität genießt. Eine Alu-Plakette
auf der Beifahrerseite dokumentiert die Produktionsnummer. Wir fuhren die Nr. 18 in
Silbergrau metallic mit blauem Stoffverdeck und blauen Ledersitzen.

Fliegen ist definitiv komfortabler! Die
festen Schalensitze sind eher für schlanke Leute, die Lehnen sind nicht
neigungsverstellbar, es geht nur vor oder zurück zumindest beim Fahrersitz: der
Beifahrersitz ist nicht verstellbar. Der Fahrersitz verfügt auch über eine
Lendenwirbelstütze. Die Sitze sind sogar langstreckentauglich, sofern man nicht schon
Rückenprobleme hat.
An die liegende Sitzposition muss man sich
erst gewöhnen. Mit meinen 1,70 m Körpergröße war die Sitzposition noch nicht das
Problem. Der Kollege mit den 1,86 m durfte aber keinen Zentimeter länger sein. Ein andere
Kollege mit 1,97 m Gardemaß konnte den Einstiegsversuch gleich wieder abbrechen. Kleiner
als 1,60 m sollte der Fahrer auch nicht sein, sonst kommt er trotz vorgeschobenen Sitzes
nicht an die Pedale.
Mit etwas Übung schafft man ja sogar fast
einen eleganten Einstieg, aber das Aussteigen sieht selbst bei geöffnetem Dach aus wie
gewollt und nicht gekonnt. Die Schweller und Seitenverstärkungen bilden eine 43 cm hohe
Einstiegskante, dahinter geht es 20 cm runter in den Sitz und die 20 cm muss man
beim Aussteigen auch erst mal wieder hoch kommen. Zwar ist der Speedster mit seinen 1,71 m
Breite gut so breit wie der Astra, aber der breite Schweller und Karosserieverstärkungen
in den Seiten lassen den Passagierraum schrumpfen. Zwei Insassen sitzen da schon gut auf
Tuchfühlung.

Knappe 32 cm Durchmesser misst das
Airbag-Lenkrad, kleiner geht es mit Luftsack nicht. Super einfach gestaltet ist das
Armaturenbrett. Schaltknauf, Handbremshebelverkleidung und Fensterkurbel sind aus
Aluminium. Fünf Tasten links für Warnblinker und Licht (inkl. Nebelscheinwerfer), drei
Drehknöpfe rechts für Heizung und Gebläse sowie ein schlicht gestaltetes CD-Radio: Das
wars! Zwei serienmäßig manuell von außen verstellbare Außenspiegel runden die
Ausstattungskomforts ab. Der Leichtbau wurde konsequent bis ins letzte (fehlende)
Komfortdetail durchgezogen, jeder Komfort, der das Gewicht hätte erhöhen können,
konsequent verbannt.
Die Heizung keine Klimaanlage
ist der einzige Luxus. Leider haben die Konstrukteure auch auf die Sonnenblenden
verzichtet. Die im Astra Cabrio sind ja trotz
ihrer geringen Größe eine große Hilfe! Keine Ablagen, zwei kleine Fächlein vorne an
den Einstiegskanten, das Handschuhfach befindet sich hinter dem Motor. Dafür fasst es
immerhin 206 Liter, ist aber nur von oben zu beladen (Ladekante 85 cm) und reicht nicht
mal für meine Einkaufskiste. Mehr als 50 kg sollten auch nicht hinein. Den Einkauf
erledigt man also besser allein mit den Tüten auf dem Beifahrersitz oder mit dem
praktischeres Erstwagen, denn der Speedster ist bestimmt nicht für den täglichen
Einsatz, sondern eher als Zweit- oder Drittwagen für die pure Freude am Fahren gebaut.

Nicht so richtig gut ist die Sicht nach
hinten durch die kleine Heckscheibe. Schwer abzuschätzen sind hinten auch die großen
Radkästen mit dem massigen Heck. Eine Freude ist das Einparken nicht. Der Wagen braucht
in der Parklücke vor allem viel Platz zur Seite, denn durch ganz weit geöffnete Türen
lässt sich die Turnübung des Aussteigens viel leichter bewältigen. Das Aussteigen
gestaltet sich zudem offen viel einfacher, denn bei geschlossenem Dach muss man bei einer
Öffnungshöhe von 56 cm auch mit bescheidenen 1,70 m Körpergröße den Kopf ganz schön
einziehen. Aber wer will hier schon wieder aussteigen? Dieses Auto ist halt nur zum Fahren
gebaut mehr nicht, aber auch nicht weniger.
Konsequenter Leichtbau fängt mit dem
Aluminium-Fahrwerk an, findet mit dem Verzicht auf jeglichen Komfort seine Fortsetzung und
in der Karosserie aus glasfaserverstärktem Kunststoff seine Vollendung. Dazu kommen vier
Räder, zwei Sitze und ein Motor und fertig ist eine absolut puristische Fahrmaschine. Das
Targa-Dach ist ein einfaches Stoffverdeck, welches sich problemlos entfernen und wieder
anbringen lässt.

Das soll ein braver Opel-Motor sein? Der
"Ecotec"-Schriftzug weist ihn eindeutig als solchen aus, was der Blick unter die
Motorabdeckung hinten verrät. Davon ist aber in der Praxis weder etwas zu hören noch zu
spüren. Beim Druck auf den Anlasser-Startknopf: die Ouvertüre! Ab 2.000 Touren folgt ein
tolles Orchester: Wagner, vom feinsten!
Und der Speedster macht seinem Namen alle
Ehre und zieht ab und das mit "nur" 147 PS. Von Null auf 100 in 5,9
Sekunden, damit sieht er nicht einmal gegen den Z8 (4,7
Sekunden) alt aus. 870 kg Karosseriegewicht machen es möglich, der Z8 braucht für seine mehr als 1,6 Tonnen Karosserie 400
PS für nur 1,2 Sekunden weniger ...
Verzichtet haben die Entwickler auf jede
Dämmung des 2,2-Liter-Vierzylinder-Motors, der akustisch präsent ist. Auch gibt er in
dem heckgetriebenen Roadster mehr Vibrationen an die Karosserie ab als im Astra. Dafür
ist der Antritt vom Feinsten: In 5,9 Sekunden vom Stand auf Tempo 100 spricht für sich.
Ein kräftiger Tritt aufs Gas und der Körper wird unweigerlich in die Sitze gedrückt. An
Durchzug mangelt es dem Motor über die ganze Drehzahlpalette nicht, schaltfaules Fahren
ist problemlos, bei wenig Touren zieht er gut wieder hoch, bei hohen Touren legt er immer
noch einen drauf. Kaum zu glauben, dass nur 147 muntere Pferdchen unter der Motorhaube
ihren Dienst tun.
Die Höchstgeschwindigkeit des Speedster
liegt bei 217 km/h. Der cW-Wert ist mit 0,38 sogar relativ hoch. Im Verbrauch
gibt er sich jedoch bei ökonomischer Fahrweise bescheiden, da kommt das Ecotec-Prinzip
von Opel zum Tragen. 8,5 Liter Superbenzin aus 100 km im gemischten Zyklus nach EU-Norm,
12,3 Liter im Stadtverkehr und 6,4 Liter außerstädtisch sind keine Verschwendung. Leider
funktioniert es mit der ökonomischen Fahrweise in diesem Auto so selten. Wer diesen Wagen
fährt, will mehr, als nur von A nach B zu gelangen. Und mehr Fahrspaß stellt sich halt
ein, wenn man ihn ein wenig ausreizt. Aber selbst dann mutiert er nicht zum Säufer.
Insgesamt schluckte er im Test etwa 10 Liter auf 100 km bei kontinuierlichem Drang nach
vorne. Der Motor erfüllt die D4-Abgasnorm.
Knackig und präzise ist die manuelle
Fünfgang-Schaltung. Die Bremsen (großdimensionierte Scheibenbremsen, rundum
innenbelüftet) sind gut dosierbar und standfest, die Bremswege angemessen kurz.

Die Lenkung arbeitet sehr direkt und
präzise. Die fehlende Servolenkung macht sich vor allem beim Einparken bemerkbar. Trotz
eines nur 2,30 m kurzen Randstandes und knapper Überhänge hat er einen großen
Wendekreis, was das Rangieren nicht so einfach macht. Man merkt aber gar nichts mehr
davon, wenn man den agilen Roadster über kurvige Pisten jagt. Ihn als kurvenfreudig zu
bezeichnen, stapelt eher noch ein wenig tief. Die Münchener haben die Freude am Fahren
nicht gepachtet. Im Speedster ist sie allerdings kaum von Fahrkomfort begleitet. Sportlich
hart ist die Federung, mit wenig Dämpferspiel auf dem kurzen Weg zur Fahrbahn. Man schaut
direkt auf den Asphalt oder auf den Auspuff des Vordermannes. Aus dem Speedster
betrachtet sieht jeder Kombi schon wie ein Van aus ...

Mittelmotor und Heckantrieb spielen im
Speedster ihre Vorteile klar aus. Dank des tiefen Fahrzeugschwerpunktes und der
Konzentration des Gewichtes auf die Fahrzeugmitte hat die flache Flunder eine einzigartige
Straßenlage. Unkonventionell ist die Kombination der Räder und Reifen: 5,5 Zoll breite
Räder mit Reifen im Format 175/55 R 17 vorne, 7,5 Zoll breite Räder mit 225/45er
17-Zoll-Reifen hinten stabilisieren vor allem die Hinterachse. Der Grenzbereich liegt sehr
hoch, lange neutral ist Fahrverhalten auch in schnellen Kurven. Lediglich eine leichte
Tendenz zum Untersteuern wird deutlich. Nachteil der Mittelmotor-Konstruktion ist
allerdings: Wenn die Grenze der Fahrphysik dann doch mal erreicht wird, geht der Wagen
ohne große Ankündigung eigene Wege.
Herausragend ist die Karosseriesteifigkeit,
eine Crashbox ähnlich wie in der Formel 1 baut Aufprallenergien ab, der Überrollbügel
ist hinter den Sitzen in die Karosserie integriert. Die Bremsanlage verfügt über große
Bremsscheiben mit Bremskraftverstärker und ABS. Drei-Punkt-Gurte mit Gurtkraftbegrenzer
auf beiden Sitzen sowie ein Fahrerairbag komplettieren die serienmäßige
Sicherheitsausstattung.

Ab 61.608,65 Mark (31.500 Euro) ist der
Speedster zu haben inklusive Alarmanlage und Heizung. Vier Uni-Lackierungen sind Serie,
die Zweischicht-Metallic-Lackierung kostet 1.232 Mark extra. Die kostenpflichtigen Extras
umfassen die Aluminium-Fußraste auf der Beifahrerseite (196 Mark), Fußraum-Teppiche mit
Speedster-Logo (215 Mark), Lederausstattung (1.975 Mark), Nebelscheinwerfer (626 Mark) und
ein CD-Radio (1.076 Mark). Das Stoffverdeck in Blau (statt Schwarz) schlägt mit 411 Mark
extra zu Buche, ein Hardtop mit 3.540 Mark. Gönnen sollte man sich neben der
Garage für die ständige Unterbringung eine Abdeckung für Außen (475 Mark), die
beim gelegentlichen Laternenparken den Wagen vor Regenschauern schützt.

Die Garantien umfassen ein Jahr auf den
Wagen und alle beim Opel-Partner eingebauten Original-Ersatzteile sowie zehn Jahre auf die
Karosserie gegen Durchrostung. |